Prosa

 

1

De Jong und Burgmann trafen sich regelmäßig. Sie besprachen dann ihre aktuellen Veröffentlichungen, gelegentlich auch zurückliegende Werke oder seltener auch, die anderer Autoren phantastischer Literatur.

Burgmann ging es mit seinem Schreiben voll absurder Labyrinthe und sprechender Tiger nicht um Wahrheit, sondern darum, zu verblüffen, letztlich also zu unterhalten, allerdings mit Gedankenspielen und philosophischen Spekulationen.

De Jong dagegen war es recht ernst mit seinen Titanen und seinen märchenhaften Geschichten. Sie verwiesen für ihn auf nicht geringeres als eine höhere Wahrheit, die hinter den Dingen stehe.

Lange merkten beide nicht recht, dass ihnen das Phantastische etwas völlig verschiedenes war, dem einen ein reines Spiel, dem anderen ein Werkzeug zur Erkenntnis.

Irgendwann aber, ich weiß nicht mehr, welche Antwort De Jongs es bewirkte, wurde Burgmann genau dieser Unterschied bewusst. Er blieb den Rest dieses Beisammenseins über recht einsilbig und verabschiedete sich dann früh. Burgmann beendete ihre Freundschaft mit einem völlig unangemessenen Verriss von De Jongs „Die blauen Hänge“ in einer der größeren Literaturzeitschriften. Ich weiß nicht, ob De Jong je begriffen hat, was vorgefallen ist, jedenfalls würdigte er Burgmann nie wieder auch nur mit einem einzigen Wort.

 

2

In Trowengart ändern die Worte nie ihre Bedeutung. Und nur im äußersten Notfall werden neue eingeführt. Die Trowengarter kannten offensichtlich zunächst das Pferd nicht. Noch immer heißt es bei ihnen „das große Reh“. „Das zweite große Reh“ ist das Rind. „Der scharfe glitzernde Stein“ ist das Messer. „Glitzernd“ beschrieb in der Sprache Trowengarts zunächst die Lichtreflexe des Eises, dann wurde es zusätzlich zur Unterscheidung von Stein und Metall verwendet. Dies ist bis heute der äußerste Fall von Bedeutungswandel, den ein Trowengarter Wort je erlitten hat.

In gewisser Weise ist es einfach, die Sprache Trowengarts zu lernen, in gewisser weise ist es anstrengend, es ist witzlos, sich mit den Trowengartern zu unterhalten. Für alles fehlen ihnen die Worte. Worüber immer man mit ihnen sprechen will, ein neues Gesellschaftsspiel, einen Artikel aus der Tageszeitung, einen Spielfilm, es ist einigermaßen mühsam, dem Trowengarter auch nur das wenigste davon zu vermitteln. Man erinnere sich allein an den unglaublichen Trowengarter Ausdruck für „Kino“!

Die Trowengarter konnten denn auch nie etwas mit dem Christentum anfangen. Ihre Toten waren tot. Eine Auferstehung hat ihre Sprache nie zugelassen. Für den Trowengarter gibt es den Himmel, in dem gelegentlich Wolken und so weiter, der Gedanke eines Paradieses ist ihm nicht zu vermitteln.

Mit so etwas wie Weltall, Galaxie, Quasar oder Schwarzem Loch braucht man einem Trowengarter gar nicht erst zu kommen. Nicht leicht haben es auch die Ärzte, die sich in Trowengart niederlassen.

Ich habe nie verstanden, ob die Trowengarter wirklich niemals etwas neues Denken, oder ob sie sich nur weigern, darüber zu sprechen. Jedenfalls werden in Trowengart keine neuen Worte erfunden, auch keine von außen übernommen (ein-zwei Ausnahmen), auch die vorhandenen werden nie neu, auch nur wenig anders (abgesehen von „glitzern“) definiert. Ein Trowengarter kommt so mit seinem Wissen nie über seine Sprache hinaus. Den jetzigen Stand seiner Sprache. Trowengart ist glaube ich das einzige Land, in dem nur so viel Wahrheit ist, wie in seiner Sprache – in dieser einen, beständigen, immergleichen, ewigen.

 

3

Nein, ich möchte hier wirklich keine Detektivgeschichte erzählen.

 

4

Das mit Burgmann und De Jong stimmt überhaupt nicht. In Wahrheit machte Burgmann De Jong sogleich auf ihr Missverständnis aufmerksam, und beide lachten herzlich darüber. Ihr neues Wissen vertiefte ihr Verständnis des anderen und seiner Arbeit, und beide schätzten sich glücklich ob der Fülle der Möglichkeiten, die ihnen die phantastische Literatur bot.

Und das mit Trowengart ist natürlich kein Schimpfen über das Unverständnis irgendwelcher Leute, sondern ein Loblied auf unsere Sprache und unser Denken.

 

5

Die NgungeSngengi kennen die Schrift. Das wird niemanden mehr überraschen, nachdem Jörg Schepers bereits die Mathematik der NgungeSngengi beschrieben hat (Schepers, Jörg: Rechnen wie die NgungeSngengi. Köln 1997). Außerdem gibt es dafür drei unwiderlegliche Beweise.

Zunächst zeigt ein NgungeSngengi des öfteren während er spricht auf den gemeinten Gegenstand, etwa einen Becher, den gereicht bekommen möchte, oder das Huhn, das er zu verkaufen gedenkt. Dabei wird der Gegenstand (Becher, Huhn) an die Stelle des lautlichen Ausdrucks gesetzt. Eben dies leistet in unserem Kulturkreis die Schrift, sie setzt den Buchstaben an Stelle der gesprochenen Rede.

Sodann ritzen (schreiben – scribere – ritzen!) die NgungeSngengi regelmäßig Bilder über die Türen ihrer Stangenhäuser (die ältere Forschung sprach abfällig von „Hütten“), die dazu dienen, böse Geister abzuwehren. In erster Linie verwenden die NgungeSngengi dafür Bilder von Löwen (NgungeSngengi: „UzganiW“). Hier steht immer wieder das gleiche bildhafte Zeichen für den gleichen Begriff, den gleichen „Namen“, somit die gleiche Folge von Lauten: - Ein untrügliches Zeichen, dass wir es hier mit Schrift zu tun haben.

Drittens kennen die NgungeSngengi eine Reihe von Tabu-Worten. Die Namen ihrer verstorbenen Könige und Priester dürfen nicht mehr ausgesprochen werden. Damit haben wir das Dritte Merkmal der Schrift in der Kultur der NgungeSngengi angetroffen. Dies bedarf vielleicht einer gewissen Erläuterung: „An diesem Punkt nämlich des nicht mehr Aussprechens verselbständigt sich das sprachliche Gedächtnis gegenüber seiner Konkretisierung in der Rede. Die Gedächtnishaltigkeit des Auslassens schreibt sich eine Spur in das Zeichensystem der Spraache.“  (mit zwei a als Spraache der Differänz des Gesprochenseins zum als feste Ordnung gedachten üblichen System von Sprache, Anm. d. Hg., nach: Darredaux, Jean-Jaques: Tabu und Schrifft. Paries 1996.) Soweit dieser fachliche Exkurs.

Die Behauptung jedenfalls, dass Völker wie die NgungeSngengi nicht über eine Schrift verfügten, muss als einigermaßen chauvinistisch zurückgewiesen werden. Vielmehr zeigt sich bei den NgungeSngengi Schrift in einer Vielfältigkeit, Lebensnähe und Lebendigkeit, die sie in den meisten „modernen“ Zivilisationen längst eingebüßt hat.

 

6

Hier muss mir der Leser nun ein wenig helfen, denn ich weiß wirklich nicht, ob es eben darum ging, nachzuweisen, dass die NgungeSngengi in Wahrheit eben doch keine Schrift haben oder eben doch. Oder um etwas ganz anderes.

 

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