Ontologie (Lehre vom Sein)

 

Eigentlich wollte ich hier nur ein paar Essays über Politik reinstellen. Das Dumme ist aber, dass man dabei ständig an Begriffe wie Demokratie, Gerechtigkeit und dergleichen gerät, unter denen reichlich Leute etwas recht Verschiedenes verstehen. Also fängt man an diese Begriffe zu klären. Dabei zeigen sich aber, diskutiert man mit dem einen oder anderen, immer grundsätzlichere Unterschiede, was die Bedeutung angeht, die man den Begriffen zuordnet, und auch immer allgemeinere Unterschiede, was die Wahrnehmung der Realität angeht. Und schon ist man dabei zu fragen, was das Sein überhaupt ist. Leider habe ich kein Ontologisches System vorgefunden, mit dem ich zufrieden gewesen wäre. Also musste ich selbst eins entwickeln. In dem konnte ich dann die politischen Begriffe einordnen (vorweg gesagt: sie finden sich unter 2.1.3.).

 

Zunächst sind zwei Arten des Seins zu unterscheiden: Das Denken und das materielle Sein. Das materielle Sein besteht aus Materie (Stoff, Körper) und Bewegung der Materie. Kurz kann man dafür schreiben: Sm = M, Bm. Dabei steht ein Komma und kein Plus, da es sich bei Materie um einen Bestands-, bei Bewegung aber um eine Stromgröße handelt, die beiden also nicht addiert werden können.

 

Das Denken ist dadurch gekennzeichnet, das es keine Materie hat und frei verknüpfbar ist, das materielle Sein dagegen hat eben Materie und ist nicht frei verknüpfbar, das heißt es unterliegt gewissen Beschränkungen. Diese versuchen wir gewöhnlich mit sogenannten Naturgesetzen zu beschreiben.

 

Wenn man eine erste Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten des Seins vornimmt, wäre es schön, wenn sich alle Dinge, die im Weiteren vorkommen, klar in den einen oder anderen Bereich einordnen ließen. So wie etwa im Linneschen System alle Lebensformen Stämmen, Arten, Unterarten, Gattungen etc. zugeordnet werden, und jede Unterkategorie völlig der übergeordneten angehört. Das scheint hier zunächst nicht möglich. So etwas wie „Stuhl“ setzt z.B. zum einen die entsprechende Konstellation von Materie voraus (Sitzfläche, Lehne, Bein, aus Holz, Kunststoff oder was immer), beinhaltet aber zu dem noch eine Verwendung, das darauf Sitzen, das nicht in der Materie selbst irgendwie enthalten ist. In dem Ding „Stuhl“ ist also etwas enthalten, was selbst wiederum zum Denken gehört. Dieses Verhältnis gilt es zu entwirren.

 

Dafür sei näher betrachtet, was zwischen Materie und Denken stattfindet:

 

- Zunächst gibt es Wahrnehmung. Das Denken hat einen materiellen Träger (beim Menschen eben der menschliche Körper), auf den Bewegung aus dem übrigen materiellen Sein (Licht, Schall, Berührung und dergleichen) trifft. Dies wird über Sinne wahrgenommen und findet Eingang in das Denken.

- So dann findet im Denken eine Rekonstruktion des materiellen Seins statt, das heißt, es wird ein mehr oder minder adäquates Abbild davon im Denken geschaffen.

- Weiter werden im Denken Ordnungen entworfen. Dies geschieht mit Begriffen. Diese können materielles Sein beziehen („Stuhl“, „Gras“), können aber auch nur gedacht sein („Einhorn“).

- Aus dem Denken kann Handeln folgen. Dies findet als Bewegung im materiellen Sein statt.

 

Daraus folgt diese Einteilung des Seins:

 

1. Das materielle Sein. Dessen Beschreibung durch Begriffe ist immer fraglich wegen der Unvollständigkeit der Wahrnehmung, möglicher Fehler bei der gedanklichen Rekonstruktion, und weil die jeweilige Ordnung, die den Begriffen zugrunde liegt, unangemessen sein kann.

2. Das Denken. Hier lassen sich Unterscheiden:

2.1. Begriffe. Diese lassen sich wiederum unterscheiden nach der Art, wie sie sich auf das materielle Sein beziehen:

2.1.1. Begriffe, die sich auf Konstellationen von Materie beziehen, die nicht geschaffen wurden (durch Handeln), z.B. „Gras“. Hier ist die Frage, ob die Begriffe das materielle Sein adäquat abbilden.

2.1.2. Begriffe, die sich auf Konstellationen von Materie beziehen, die geschaffen wurden (durch Handeln), z.B. „Stuhl“. Hier ist die Frage, ob erstens der Begriff überhaupt im materiellen Sein umgesetzt werden kann, und ob zweitens die Materie dem Begriff entspricht, der materielle Stuhl also für den Zweck geeignet ist, darauf Sitzen, der im Denken dafür angelegt war.

2.1.3. Begriffe, die sich auf Handeln beziehen, z.B. „Bundeskanzler“. Bundeskanzler meint nicht die körperliche Person, die Bundeskanzler wird. Es meint das Amt, das dieser übertragen wird. Dieses Amt ist aber nicht aus Materie, sondern nur gedacht. Es bezieht sich nur dadurch auf das materielle Sein, dass es durch Handeln umgesetzt wird. Also durch Bewegung im materiellen Sein, die durch Denken ver­anlasst wird: Wahlen, Amtseid, Äußerung von Entscheidungen, Handeln nach solchen Entscheidungen, etc. Hier ist ebenfalls die Frage, ob erstens der Begriff überhaupt im materiellen Sein umgesetzt werden kann, und ob zweitens das Handeln dem Begriff entspricht, das Handeln nach dem Begriff „Bundeskanzler“ also für den Zweck geeignet ist, der im Denken dafür angelegt war.

2.1.4. Begriffe, die nicht vorhandene Konstellationen von Materie bzw. Handlungen behaupten (Fiktionen), z.B. „Einhorn“, „Kaiser von Ostfriesland“, dergleichen. Hier zeigt sich besonders deutlich die freie Verknüpfbarkeit des Denkens.

2.1.5. Begriffe, die allgemeine Formen beschreiben, auf verschiedenste Konstellationen von Materie und Handlungen übertragbar sind (Abstraktionen), z.B. „Regelmäßigkeit“, „Unregelmäßigkeit“, „Dreieck“ etc.

2.2. Sonstiges Denken, z.B. Bilder, Frequenzen, nicht begrifflich gefasste Zusammenhänge, und was dort mehr möglich ist.

 

Nach diesem System lässt sich Realität so beschreiben: In jedem Fall gehört zunächst das materielle Sein dazu. Dieser Teil der Realität vermittelt auch immer wieder den Eindruck ihrer Eindeutigkeit. Materie kann man sehen, anfassen, spüren, ihr Dasein lässt sich überprüfen und kaum sinnvoll leugnen. Sodann gehört aber auch ein Teil des Denkens hinzu. Nämlich der Teil, der Handeln auslöst und in der materiellen Welt angemessen umgesetzt ist (2.1.2. und 2.1.3.). Andernfalls wäre das Amt Bundeskanzler, ein jeder Staat, Geld, Demokratie etc. nicht Realität. Praktisch alle gesellschaftliche Einrichtungen dieser Art wären nicht Realität. Es ist also sinnvoll, diesen Teil des Denkens hinzuzurechnen.

 

Das mag erst mal verblüffen. Manchem mag das Denken gerade als das Gegenteil von Realität erscheinen. Mancher wird in dem Sinne entgegnen: „Was bloß gedacht ist, ist ja noch lange nicht Realität.“ Richtig. Nur weil ich etwa denke: „Morgen bin ich in Brasilien“ bin ich noch lange nicht da. Ich muss erst hinfliegen. Allgemein gesagt: Fiktion gehört sicher nicht zur Realität. Wohl aber schlägt sich der Teil des Denkens, der Handeln auslöst und angemessen umgesetzt ist, in der materiellen Welt nieder (Amtsgericht, Unternehmen, Gesangsverein, etc, siehe oben).

 

Nun ergeben sich Grenzfälle dessen, was Realität ist. Die Frage ist, ob ein Gedachtes durch Handeln „angemessen“ umgesetzt ist. Was angemessen ist, hängt zum einen davon ab, was der Begriff verlangt, zum anderen davon, was sich an Handeln dazu findet. Man mag also streiten, ob das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ um sagen wir 1600 Realität war. Für dessen Realität mag man anführen, dass es einen Kaiser gab, der gekrönt wurde und einiges mehr, einen Fürstentag, auf dem die Fürsten des Reiches zusammenkamen, dass das Reich auf den Landkarten verzeichnet wurde, und vieles Weiteres. Gegen seine Realität aber, dass es damals statt dieses Reiches nur eine Anzahl kleinerer Staaten gab, die praktisch selbständig waren, dieser Kaiser nur in seinem Land, nicht aber im ganzen Reich herrschte, dieses „Reich“ also in Wahrheit nicht bestand.

 

Auch im recht alltäglichen Handeln ist oft genug die Frage, was Realität ist. Wirft etwa ein Partner dem anderen vor, er vernachlässige ihn, oder jemand behauptet, dem anderen einen Gefallen getan haben, so kann es vorkommen, dass der andere etwas anderes für Realität hält.

 

So findet sich in der Realität ein Teil materiellen Seins, das vergleichsweise leicht zu überprüfen ist, ein Teil Denkens, das weitgehend unstrittig ist, und ebenso manches aus dem Denken, dessen Realität recht fraglich ist.

 

Widersprüchlich an dem System könnte jemand zunächst finden, dass gesagt ist, einerseits sei Denken frei verknüpfbar, andererseits könne es materielles Sein angemessen abbilden, Handeln diesem angemessen sein. Das eine klingt als sei es ungeordnet, das andere als sei es geordnet. (Gesetzt, dass ein irgendwie angemessenes Denken irgendwie strukturiert sein muss.) Dabei verhält es sich so, dass ein Denken, das etwas angemessen ist, ein Bereich des gesamten Denkens ist. Ein Gedanke kann also angemessen sein, ein anderer nicht. Auch kann ein Gedanke geordnet sein, ein anderer nicht. (Ähnlich, wie ein Auto ein VW sein kann, ein anderes nicht. Oder Mengentheoretisch gesprochen: Ordnung haben oder nicht Ordnung haben ist keine Eigenschaft der Menge des Denkens sondern seiner Teilmengen.)

 

Nebenbei: Es hat mal jemand sinngemäß behauptet, unsere gesamte Umgebung sei sprachlich. Tatsächlich sind aber Materie und Bewegung selbst nicht sprachlich. Sie werden lediglich durch Begriffe im Denken wiedergegeben. Materie und Bewegung gehören aber wohl unvermeidlich zu unserer Umgebung.

 

Unschärfen des Systems:

-  Gehört Wahrnehmung nun zum materiellen Sein oder zum Denken?

-  Gehören Gefühle zum materiellen Sein oder zum Denken?

-  Fällt ein gemähter Rasen unter 2.1.1. oder 2.1.2.?

-  Etc. pp.

 

Das einzige Ergebnis, auf das ich mit diesem System hinaus wollte ist die nähere Bestimmung der Begriffe der Politik. Sie gehören zu „2.1.3. Begriffe, die sich auf Handeln beziehen“. Das bedeutet sie:

-  sind zunächst nur gedacht,

-  finden Niederschlag in der Realität nur durch Handeln,

-  Man kann ein politisches Konzept diskutieren nach den Kriterien:

     o  ist das Gedachte überhaupt im materiellen Sein umsetzbar,

     o  kann man es mit dem übrigen Denken und Handeln vereinbar machen,

     o  was wären die Folgen,

     o  was wären die Alternativen?

-  Man kann eine politische Einrichtung diskutieren nach den Kriterien:

     o  Entspricht das Handeln dem Begriff,

     o  was sind die Folgen,

     o  was sind oder wären die Alternativen?

 

Das soll aber weiter in einem Essay über das Politische erörtert werden.

 

 

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