Häuser und Zelte (6 Erzählungen, hier der Anfang der Titelgeschichte)

 

Ein kleiner Parkplatz an einer Autobahn nach Norden. Die Septembersonne stand nur als schwacher Schimmer hinter einem Wolkenteig über welligem Land.

„Hallo? Entschuldige, kannst Du mich ein Stück mitnehmen? Ich muss nach Sylt.“

Die Frau lehnte mit dem Rücken an ihrem Wagen und schaute ihn skeptisch an. Sie mochte zwanzig sein. Ihr Gesicht war schmal und blass, ihre Nase spitz. Sie war sehr schlank, wirkte geradezu zerbrechlich. Er rechnete nicht damit, dass sie ihn mitnähme.

„Nach Sylt willst du?“ Sie ließ ihren Blick ihren Blick kreuz und quer über ihn wandern, besonders seine Tasche, die er locker über der Schulter trug, musterte sich eindringlich.

„Ja. Also erst mal irgendwie Richtung Norden. Wenn du mich ein stückweit in der Richtung mitnehmen kannst?“

Ihre Haare waren dunkel und fielen tief den Rücken hinunter. Sie trug eine aus zahlreichen bunten, quadratischen Stoffstücken zusammengenähte Jacke, ein kariertes Hemd und eine Kordhose. Zwischen den Riemen ihrer Sandalen quollen dicke Strümpfe hervor.

„Ich mache grad eine Pause.“

„Das ist ja nicht schlimm. Aber wenn du nachher irgendwann weiterfährst?

Sie musterte ihn wieder. Er war gut einen Kopf größer als sie. Seine Haare waren schulterlang und zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Er trug ein hellbraunes Jackett über einem schwarzen T-Shirt, eine etwas abgetragene Jeans und Stiefel mit Metallbeschlägen an den Spitzen. Er hatte einen drei- bis Viertagebart. Die Tasche über seiner Schulter war schmal und kaum gefüllt.

„Ich wollte noch ein bisschen auf- und abgehen.“

„Von mir aus.“ Er lächelte.

„Damit meine Beine nicht verkrampfen.“

„Aha.“

Er besah den Wagen, ein älteres Modell, ein paar Rostflecken, ein paar überlackierte Stellen, kleine Beule am Heck. Sie steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte an den nächsten drei Autos vorbei den Weg hinunter. Sie schaute eine Weile zur Autobahn. und kam dann zurück.

„Ich fahre nur bis kurz hinter Hamburg“

„Das ist klasse. Wenn du mich da an irgendeinem Parkplatz wieder absetzt.?“

„Ich heiße Klaudia.“ Sie streckte ihm die Hand hin.

Er nahm sie. „Hart.“

„Hart?“

„Eigentlich Hartmut, aber besser nur Hart.“

Nachdem sie zwei abfahrenden Wagen nachgesehen hatte stieg sie ein und entsicherte die Beifahrertür. Er fand eine Straßenkarte auf dem Beifahrersitz, faltete sie zusammen und legte sie in die Ablage. Sie nahm eine Thermoskanne, einen Besen und noch ein paar Dinge vom Boden vor dem Beifahrersitz und legte sie vor die Rückbank.

 

Sie fuhr gleichmäßig hundert Stundenkilometer, unabhängig auch davon, ob es bergan oder –ab ging. Hartmut hatte erst den Sicherheitsgurt angelegt, nachdem sie ihn dazu aufgefordert hatte, und sah den überholenden Fahrzeugen nach.

„Und du fährst bis kurz hinter Hamburg?“ fragte er nach einer Weile.

„Ja, nach Norderstedt. Kennst du die Gegend? Nicht? Ich habe früher da gewohnt.“ Sie schaute zu ihm hinüber und öffnete leicht den Mund, als wollte sie noch etwas sagen, schaute dann aber wieder auf den Verkehr vor ihr.

„Und du besuchst da alte Freunde?“

„Ich kenne da kaum noch jemanden. Es ist auch schon lange her, dass wir da gewohnt haben. Ich war fünf, als wir weggezogen sind.“ Sie lächelte flüchtig und schwieg wieder.

„Du fährst einfach mal kucken.“

„Genau.“ Sie kicherte aus irgendeinem Grund. „Machst du Ferien auf Sylt?“

„Ich könnte da wieder mal einen Job haben. Ein paar Freunde sind da. Vielleicht auf ein Haus aufpassen oder irgendwas in einer Diskothek.“

„Und was machst du sonst so?“

„Kfz-Mechaniker. Im Moment suche ich was. Also, ich mach’ eine Mischung aus Ferien und Arbeitssuche.“

„Aha.“

Ein Wagen, der sie nur mühsam überholt hatte, zog eine Reihe von schnelleren Fahrzeugen hinter sich her. Die Sträucher auf dem Mittelstreifen zerlegten die Fahrt der entgegenkommenden Autos in einzelne Phasen.

„Fährst du mitunter auch schneller?“

„Ich fahr’ lieber gemütlich.“

„OK.“ Er nahm eine Strohpuppe, die auf dem Armaturenbrett saß, und drehte sie in der Hand hin und her.

„Das habe ich selbst gestrickt.“

„Schön.“ Er zupfte leicht an dem Wolljäckchen und setzte sie zurück. „Und was machst du?“

„Ich studiere BWL. Unten in Stuttgart.“

„Und was macht man damit?“

„Ich will nachher was im Bereich Marketing machen.“

„Und ist das schwer?“

„Es geht. Ich hatte gedacht, die anderen hätten viel mehr Vorkenntnisse als ich. Ich komm aus Templin. Da hatten wir halt andere Dinge in der Schule. Halt auch was mit Ökonomie, aber eben ganz anders.“ Sie sah ihn kurz an als erwartete sie eine Reaktion.

„Wo ist, wie heißt das, Templin?“

„Ein Stück nördlich von Berlin.“

„Das war DDR?“

„Ja genau. Und ich dachte die anderen hier hätten mehr Vorwissen für BWL. Aber dann hab ich gemerkt, dass die auch nichts davon in der Schule gehabt haben. Die sind auch nicht weiter als ich.“

Sie lachte, er lächelte mit.

„Also, ich versteh’ das richtig: Du bist bei Hamburg geboren, und in der DDR aufgewachsen?“

„Ja genau. Ich komm aus einer ziemlich ungewöhnlichen Familie. Mein Vater war erst Koch in Norderstedt. Und dann hat er von einer Tante in Templin einen Gasthof geerbt. Und damit hat er sich selbständig. Das war die Gelegenheit für ihn.“

„Stark. Die meisten wollten da doch genau in die andere Richtung.“

„Ja, wir sind was besonderes.“ Sie lachte wieder.

„Durfte man da einfach so einen Gasthof haben? Ich dachte, da gehörte alles dem Staat?“

„Ja, in so ’nem kleinen Rahmen durftest du das schon. Du durftest nicht zu viel Eigentum haben, und so bald du ein bisschen mehr verdienst hast, musstest du praktisch alles abführen, aber so ein bisschen ging schon.“

„Ist ja ulkig.“

„Witzig war auch, dass mein Vater bei der Einreise gefragt wurde, wie lange er schon arbeitslos wäre. Und zwar von den Grenzbeamten in der DDR!“

Hartmut lachte.

„Die sind ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass nur Arbeitslose reinwollen.“ Sie wurde plötzlich leiser. „Das war jetzt aber nicht auf dich gemünzt,“ sagte sie vorsichtig.

„Das habe ich auch nicht so verstanden,“ sagte er gut gelaunt.

„Jedenfalls war ich da ein Exot, mit Norderstedt als Geburtsort.“

 

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