Wortmann

(Hörspiel)

 

Paul: Institut für Kommunikationsforschung, Berger, guten Tag.

Thomas: Hallo Paul. Hier ist Thomas. Wir sind so weit. Die Testpersonen sind eingewiesen. Sie sollen ,Herrn Wortmann’ anrufen und ,Doktor Schmidt’ verlangen und nicht aufgeben, bis der am Apparat ist.

Paul: In Ordnung. Und, was machen sie für einen Eindruck?

Thomas: Normal. Jedenfalls scheint keiner von vornherein zu dumm zu sein, um irgendwann zu merken, dass er mit einem Programm redet.

Paul: Petra meint, Wortmann brächte es diesmal auf fünfzehn Antworten durchschnittlich, bis sie dahinter kommen.

Thomas: Muss sie ja. Ist ja ihr Programm. Sagen wir lieber sieben, was?

Paul: Vielleicht schafft er acht, wer weiß. Und, hast du die Leute heiß gemacht?

Thomas: Klar. Sie sollen hartnäckig sein. Wortmann soll ja zeigen dürfen, was er kann.

Paul: Ich sag ja, wir sollten ihnen tausend Mark versprechen, falls sie ,Doktor Schmidt’ tatsächlich ans Telefon bekommen.

Thomas: (lacht) Aber was steht dann auf unserer Telefonrechnung?

Paul: Also, ich schalte jetzt Wortmann ein. Falls noch was ist: Ich gehe essen. In einer halben Stunde bin ich wieder im Büro. Bis dann.

Thomas: Bis dann.

 

(Diverse Geräusche des Auflegens, Einschaltens und Abhebens)

 

Wortmann: Wortmann, guten Tag.

Lisa: Berger, guten Tag. Ist mein Mann da? Ich weiß, ich soll nicht auf dieser Leitung anrufen, aber im Büro war er nicht, da dachte ich, ich versuche es mal im Labor. 

Wortmann: Was kann ich für Sie tun?

Lisa: Na, Sie könnten ihn rufen. Wenn er da ist. Ist er da?

Wortmann: Nein.

Lisa: Dann ist er bestimmt essen gegangen, oder? Könnten Sie ihm etwas ausrichten?

Wortmann: Ja.

Lisa: Sagen Sie ihm bitte, dass ich nicht mit zur Jahresfeier komme. Haben Sie das?

Wortmann: Ja.

Lisa: Gut. Sonst muss er mich eben zurückrufen.

Wortmann: Könnten Sie mir etwas Näheres dazu sagen?

Lisa: Bitte? Was soll ich da Näheres sagen? Warum? Ihre Jahresfeiern kennen Sie ja wohl.

Wortmann: Sagen Sie mir bitte noch etwas über Jahresfeiern.

Lisa: Sind Sie neu am Institut?

Wortmann: Nein.

Lisa: Dann müssen Sie sie ja kennen. Und Sie können sich denken, dass es einem Außenstehenden keinen großen Spaß macht, wenn ihr Leute die ganze Zeit nur über eure Forschung redet. Und Sie kennen ja Paul, er ist der Schlimmste im Fachsimpeln. Er spricht den ganzen Abend von nichts anderem. Und meist mit Ihrer Frau Doktor Heidelmann. Völlig unzugänglich sind sie dann. Aber wem sage ich das.

Wortmann: Ich müsste noch etwas mehr über Heidelmann erfahren.

Lisa: Wie bitte? Sie müssen etwas über Ihre Kollegin erfahren? Von mir?

Wortmann: Nein.

Lisa: Warum fragen Sie dann? Erwarten Sie denn, das ich Ihnen etwas über Ihre Kollegin sage?

Wortmann: Ja.

Lisa: Was soll das? Wollen Sie irgendwas damit andeuten? Hören Sie, ich mag keine Andeutungen. Ich mische mich nicht in Ihre Interna ein. Ich meine, ich weiß, dass Paul viel mit dieser Frau zusammen arbeitet. Dass sie auf Dienstreisen zusammen sind.

Wortmann: Sagen Sie mir bitte etwas über Dienstreisen.

Lisa: Da kann ich doch eher Sie fragen. Sie sind doch vom Institut. Sie wollen mir doch etwas sagen, oder? Ich meine, ich weiß nicht, ob Sie etwas sagen wollen, aber wenn Sie etwas sagen wollen, dann sagen Sie es doch und machen keine Andeutungen. Aber wenn Sie schon davon anfangen, dann kann ich Sie ja auch ganz direkt fragen, das heißt, ich weiß nicht wie ich das sagen soll, aber, mit dieser Frau, so sagte das mal ein Kollege von Ihnen: Stimmt es, dass mein Mann sich im Institut unmöglich benimmt? 

Wortmann: Ja.

(Pause)

Wortmann: Sind Sie noch da?

Lisa: Jaja. Hm. Sie sind recht ehrlich. Aber vielleicht ist das besser. Ich meine, zu wissen, woran man ist.

Wortmann: Sie sprachen eben von Dienstreisen.

Lisa: Was? Nein, hören Sie, darüber möchte ich wirklich nichts von Ihnen wissen. Unsere Beziehung ist mir wirklich sehr viel wert, obwohl schon einiges - ich meine: er ist ein Schuft, ich habe das immer geahnt - nein, ich wollte sagen: wir waren auch mal verreist, auf Fünen, im Urlaub, und er hat immer das Frühstück, wir waren am Strand, im Dorf, am Strand hat er - wie komme ich jetzt darauf?

Wortmann: Nein.

Lisa: Was? Wieso Nein? Ich verstehe Sie nicht.

Wortmann: Vielleicht kommen wir weiter, wenn Sie mir noch etwas über Fünen sagen.

Lisa: Warum? Wie kämen wir damit weiter? Nein. Wissen sie eigentlich, was ich meine mit ,er benimmt sich unmöglich’?

Wortmann: Nein. 

Lisa: Nicht? Aber... Ich meine, haben die beiden etwas miteinander?

Wortmann: Ja.

(Pause)

Wortmann: Sind Sie noch da?

Lisa: Ja. Ist es denn so offensichtlich?

Wortmann: Ja.

Lisa: Ja. Das ist etwas viel, was Sie mir da einfach so sagen. Ich - ich lege jetzt auf. Oder warten Sie. Ich muss wissen - was muss ich denn...

 

(Knacken)

 

Paul: Hallo, wer ist da?

Lisa: Paul, bist du’s? Ich bin’s Lisa. Ich muss dir...

Paul: Lisa? Warum rufst du hier im Labor an? Wir testen ein neues Programm. Thomas hat mich angerufen, über das Handy, seine Testpersonen kommen nicht durch, weil ständig besetzt ist, du blockierst die Leitung.

Lisa: Ich habe nichts blockiert. Ich habe mit deinem Kollegen gesprochen.

Paul: Mit Wortmann?

Lisa: Ja. Paul, hör zu...

Paul: Wortmann ist ein Programm, kein Kollege. Eine Maschine.

Lisa: Was redest du da?

Paul: Er hat ein paar Standardantworten mit denen er ein bisschen Konversation treiben kann, nichts weiter.

Lisa: Was soll der Blödsinn. Er hat mir geantwortet.

Paul: Das ist ja das Schöne: Er erkennt Fragen, wenn am Satzende die Stimme höher wird. Wir haben endlos Heuristiken eingebaut, nach denen dann ja oder nein kommt...

Lisa: Kannst du denn an nichts anderes denken, nur an deine Programme? Dein Kollege hat jedenfalls auch mal nachgefragt und nicht nur abgeblockt. Der kann auf jemanden eingehen.

Paul: Nicht wahr? Wenn er nicht weiter weiß, fragt er nach dem letzten Wort, dass ihm unbekannt ist. Meistens sind das Namen. Er hat dafür...

Lisa: Hör auf mit diesem Unfug, Paul, erzähl das deiner süßen Frau Heidelmann. Ich...

Paul: Was hat Petra damit zu tun?

Lisa: Ich - ich muss dir etwas sagen: Ich verlasse dich.

Paul: Was? Was meinst du?

Lisa: Ich verlasse dich.

Paul: Aber wie... Warum denn?

Lisa: Ach, lass dir das von deinem Kollegen erklären. Ich - ich kann jetzt nicht mehr. Und wer auch immer er ist, oder was, er kann jedenfalls reden. Ihr seid doch alle Autisten, du und deine Typen da in deinem elenden Institut. Nichts erfährt man von euch, und nichts, was man sagt interessiert euch. Ich meine - ich meine - ich weiß auch nicht.

 (Knacken)

Paul: Lisa? Lisa.

 

zurück