Die Rottecks (Roman)

 

DIE ROTTECKS - In den Filialen Chicagos I  bei: Pro Business GmbH, Berlin

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  ISBN: 3-937343-18-0















Zitate

Kritik

Inhalt

Wer bist Du

Des Rheines Ufer nahmen des Visionärs Tränen (Kapitel)

 

Z

Zitate:

 

Die Frau war klein und schmal, ihr Gesicht lag gegen seine Seite gepresst, er sah nur ihr langes, dunkles Haar weit ausgebreitet über seine Seite und ihren Rücken, über Decke und Laken. Das Bett war breit und stand in der Ecke des Raumes. Er erkannte Einzelheiten:

....

Für einen Satz sah Karsten Michael an: „Das ist eine Vision!“ sagte er mit weit aufgerissenen Augen. Auch sein Bier wurde davon in Kenntnis gesetzt: „Eine Vision!“ Er nickte heftig.

....

Eine andere Spannung hatte diese überlagert und nachgeordnet werden lassen. Michael hatte den Eindruck, ein bloßes Stadium der Inszenierung zu verlassen. Ein Eindruck, der aber auch nicht so sonderlich beständig war.

k

Kritik:

 

Stan LaFleur schreibt für www.satt.org: "Bei "Die Rottecks" handelt sich um einen komplexen, sauber durchdachten und spannenden Entwicklungsroman, der seinen Helden durch innere Reflexion und eine Menge unerwarteter Schicksalsfügungen leitet. Anklänge an Erlauchtes aus der Vergangenheit (wie z.B. Thomas Manns Hochstaplersaga Felix Krull) sind durchaus gewollt und vorhanden..." mehr

 

I

Inhalt

I. Ein süßes Leben
    1. Wer bist du
    2. Die Unbekannte bestaunt eine Art Residenz

    3. Die Unbekannte entflieht
    4. Zwei Sportwagen
    5. Heiterer Nachmittag, Abend und
ebensolche Nacht
    6. Keine Überweisung

II. Aufträge
    1. Der erste Auftrag
    2. Ihr seid gemein
    3. Bernis geben eine Party. Geschäfte
    4. Bernis geben eine Party. Vergnügen
    5. Zwei Schläger
    6. So gemein
    7. Der zweite Auftrag

III. Eigentlich nicht
    1. Keller, Freundin und Ökonomie
    2. Bewerbung
    3. Michael Rotteck wird in die Firma eingeführt
    4. Auch Frau Müller heißt Nadine
    5. Verschiedene Einflüsterungen
    6. Michael Rotteck verhandelt


IV. Pläne
    1. Geburt einer Vision
    2. Karsten erweist sich als weit begeisterungsfähiger
    3. Ein Ingenieur sucht Substanz
    4. Bärte
    5. Auch mit einem Bastler ist es einen Versuch wert
    6. Nur mal zur Anschauung: Die Karriere des Gerald 
        Rotteck
    7. Ein Aufsichtsratsmitglied
    
8. Des Rheines Ufer nahmen des Visionärs Tränen
    9. Der Ingenieur als rettender Engel
 
V. Die Maschine
    1. Von unerwarteter Seite wird Interesse bekundet
    2. Und raus bist du
    3. Wieder in der Firma
    4. Die zweite Besprechung
    5. Auch nur zur Anschauung: Die Karriere des Jürgen 

       
Burger
    6. Schon wieder wird von unerwarteter Seite 
        Interesse bekundet
    7. Der Abteilungsleiter
    8. Man stärkt sich gegenseitig
    9. Michael begibt sich auf Erkundungsgang
    10. Und hinaus auf’s Land

VI. Dumping und Tod
    1. Die Rottecks essen
    2. Krisensitzung
    3. Erneut zwei Sportwagen
    4. Wie ein Orientale seinen Sohn zu beeinflussen 
        suchte
    5. Karsten gedenkt Pilze zu züchten
    6. Träumt aber auch von einem Grundplan des 
         Haushalt
 
VII. Hinter Glas
    1. Stellenangebot
    2. Oder hier
    3. Auch Irene geht fremd
    4. Michael sieht die Unbekannte durch eine Glastür
    5. Bernis geben eine Party. Ausblicke
    6. Bernis geben eine Party. Rückblicke. Es war schon 
        mal lustiger
    7. Bernis geben eine Party. Rückblicke. Dazu 
        Rückansichten

 

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I. Ein süßes Leben

 

1. Wer bist du

 

Er lag nicht ganz bequem. Als er versuchte, sich umzudrehen, hinderte ihn etwas auf seiner Brust. Noch nicht richtig wach tastete er danach. Ein zarter Arm lag quer über ihm. Er schaute auf, seine Wahrnehmung war noch vom Schlaf gedämpft. Die Frau war klein und schmal, ihr Gesicht lag gegen seine Seite gepresst, er sah nur ihr langes, dunkles Haar weit ausgebreitet über seine Seite und ihren Rücken, über Decke und Laken. Das Bett war breit und stand in der Ecke des Raumes. Er erkannte Einzelheiten: Couch, Schreibtisch, Schrank, Regale. ,Also bei mir,’ dachte er. Er legte den Kopf zurück, schaute zur Decke, vertraute darauf, dass sich Erinnerungen einstellen würden. Aber die kamen nicht. Er wusste nicht, wie diese Frau hier hergekommen war. Er streckte sich ein wenig, bewegte die Schultern, um eine leichte Verspannung zu lösen. Die Frau seufzte, schob den Arm etwas tiefer. Er lag wieder still. Er wusste, dass er am Vortag auf einer Party der Bernis gewesen war. Dort allerdings verlor sich seine Erinnerung sehr bald. Er betrachtete sie genauer. Was er aus seinem Blickwinkel erkennen konnte, die Haare, die Schultern, der schmale Körper, passte zu keiner Frau die er kannte so recht. ,Naja, wird sich zeigen.’ Der Wecker auf dem Nachttisch zeigte drei Uhr. Er hob ihren Arm vorsichtig an und schob sich langsam seitlich darunter weg. Die Unbekannte wurde etwas mitgezogen und lag nun halb auf dem Bauch. Sie knurrte unzufrieden, fuhr mit der Hand suchend auf dem Laken hin und her, bekam das Kopfkissen zu fassen und drückte es an sich. Michael beugte sich über sie und sah ihr Gesicht an. Es war schmal und weich und lag entspannt mit ungewolltem Ernst vor ihm. ,So sieht sie aus wie ein Kind,’ dachte er. Jedenfalls kannte er sie nicht. Sie schob den Kopf etwas höher und wieder zurück und rieb so die Wange am Kissen, lächelte dabei. ,Sie ist schön.’

Er stand auf, zog seine Hose an, die achtlos hingeworfen auf der Couch lag, und ging hinaus. Er ging ins Bad und schaute in den Spiegel. Dunkle Ränder lagen unter seinen Augen, ungewohnt angegriffen fand er sich.

„Hoffentlich war gestern wirklich gestern,“ murmelte er.

Er ging zur Toilette und duschte. Unter dem Wasser fühlte er sich etwas frischer. Dabei versuchte er noch einmal, den vorigen Abend zu rekonstruieren. An den Anfang der Party erinnerte er sich noch recht zusammenhängend, er hatte eine Weile getanzt und aus irgend­einem Grund zu schnell zu viel getrunken, Vittorio hatte bedauert, dass man wegen des Regens drinnen feiern musste, hatte dann geklagt, die Freundin seines Sohnes gefalle ihm nicht, ob Michael nicht eine bessere wüsste, zwischendurch hatte es aufgeklart und die Stripperin hatte doch noch in den Pool springen können. Dann waren einzelne, beziehungslose Gesichter und Gesprächsfetzen geblieben. Michael trocknete sich ab und setzte sich auf den Wannenrand. Er versuchte, diese Bruchstücke zu ordnen. Doch da war nicht mehr viel. Bernd und Vera Hellmann hatten sich eine Szene gemacht. Hatte Luca nicht noch etwas erzählt? Aber war der überhaupt da gewesen? Vom Rest des Abends und der Nacht wusste er nichts. Er gab es auf, zog die Hose wieder an und ging hinüber in die Küche.

Dort sichtete er Kühlschrank und Schränke, schob mit beiden Händen auf einer Servierplatte zusammen, was an Gebäck, Käseecken, Trauben und Apfelscheiben und was immer brauchbar schien, stellte zwei Tassen dazu und setzte Kaffee auf. Er öffnete das Fenster und schaute hinaus auf die weit ausgebreitete Stadt dort unten. Ihm war nach mehr frischer Luft, er ging ins Wohnzimmer und von dort in den Balkon hinaus. Er schaute eine Weile hinunter auf die Stadt, die Sonne brannte angenehm auf seiner Haut. Die Nachbarn unsichtbar hinter der Trennwand hatten Gäste, besprachen recht laut, was sie heute ,den ganzen Tag’ gemacht hatten. Michael ging wieder in die Küche, der Kaffee war fertig.

Er klopfte an der Schlafzimmertür, es kam aber keine Antwort. Er öffnete die Tür vorsichtig mit dem Ellbogen, stellte das Tablett auf dem Nacht­tisch ab, zog die Jalousien hoch und setzte sich auf den Rand des Bettes. 

„Guten Morgen.“ Er berührte ihre Schulter. „Aufwachen.“

Sie drehte sich langsam vom Bauch auf die Seite, öffnete die Augen und sah ihn blinzelnd an, schaute kurz nach links und rechts, richtete sich dann erschrocken halb auf, indem sie sich mit einem Arm nach hinten abstützte. Die andere Hand presste sie an die Schläfe.

„Wo bin ich?“ Ihre Stirn zog sich in Falten, sie wischte sich mit der Hand schlaff über das Gesicht. „Und wer sind Sie?“

„Ich heiße Michael Rotteck. Und du bist bei mir.“

„Was heißt das?“ Sie zog die Stirn tiefer in Falten, setzte sich vollends aufrecht. Als sie merkte, dass sie nackt war, zog sie die Decke herauf und hielt sie vor ihre Brüste. „Was ist denn passiert?“

„Ich habe Frühstück oder Mittag oder was auch immer mitgebracht.“

Er stellte das Tablett neben sie, sie rückte etwas zur Seite. 

„Wie spät ist es?“

„Halb vier.“ 

Sie schaute auf den Wecker um sich zu vergewissern. Er schenkte Kaffee ein.

„Und wo bin ich hier? Wo ist bei dir?“

„Naja, meine Wohnung“ Er lächelte verständnislos.

„Toll,“ entfuhr es ihr.

„Das finde ich auch immer wieder.“ Er begann zu essen.

„Schön für dich.“ Sie schaute auf Michaels freien Oberkörper. „Haben wir etwa?“

„Ich habe keine Erinnerung an die Nacht. Aber ich denke schon. Zumindest bin ich hier neben dir aufgewacht.“

„Na wunderbar. Und was sagst du? Du erinnerst dich an nichts? Das soll ich glauben?“

„Das ist so. Ich dachte, du wüsstest vielleicht, wie wir uns kennengelernt haben. Warst du bei den Bernis?“

„Sagt mir nichts.“

„Also wissen wir es beide nicht.“

„Moment, lass mich nachdenken.“ Sie schaute eine Weile vor sich hin, schüttelte ein paar mal leicht den Kopf, schien in Erinnerung etwas nachzurechnen. „Na gut von mir aus.“ Sie räusperte sich. „Ich, - ich würde mich jetzt gern anziehen.“

„Gut.“ Er stand auf. „Soll ich noch etwas dazu holen zum Frühstück?“

„Nein. - Oder doch: Mineralwasser.“

„In Ordnung.“

„Und wäre es möglich, dass ich in der Küche frühstücke?“

„Schlafzimmer, Küche, Balkon, wie du möchtest.“

„Ich möchte mich erst mal anziehen und ins Bad.“

„Gut. Übrigens, wie heißt du?“

„Anna.“

Er stellte das Tablett auf das Tischchen bei der Couch, nahm seine übrigen Kleider auf und ging hinaus, sich im Flur fertig anzuziehen. Kaum hatte er das Hemd zugeknöpft, öffnete sich die Tür einen Spalt breit. 

„Wo sind meine Sachen?“ fragte die Unbekannte.

„Auf der Couch.“

„Das sind nicht meine.“

„Ich habe nichts weggenommen.“

Die Tür schloss sich etwas heftig. Er holte das Wasser. Als er zurückkam stand sie an den Schreibtisch gelehnt.

„Was ist das?“ fragte sie ärgerlich.

 

 

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8. Des Rheines Ufer nahmen des Visionärs Tränen.

 

Nachdem Karsten und Michael wieder einmal einen Nachmittag lang vergeblich in Karstens Bude über ihr Projekt beraten hatten - Michael wies die Aussichtslosigkeit des einen wie des anderen gedachten Schrittes nach, und mochte dabei oft teilnahmslos, ja, mitunter geradezu amüsiert erscheinen, Karsten klagte unterdessen laut, ereiferte sich und rief immer mal wieder heftig, dass man es natürlich! so und so machen musste, warum man denn nicht gleich darauf gekommen sei, lief eine Weile aufgeregt im Zimmer auf und ab, beruhigte sich wieder, setzte sich und wartete auf die nächste seiner Eingebungen - fragte Karsten endlich: „gehen wir noch irgendwo hin?“ und sie suchten eine Kneipe auf, um dort, unbelastet von ihren Unterlagen, die (wohlweislich) daheim blieben, die eh nicht viel aussagten, und wenn, dann nur gegen alle Vorhaben sprachen, um so freier Pläne schmieden zu können. Hatte Michael anfangs noch Vorschläge gemacht, nur um zu beobachten, wie Karsten darauf ansprang, so hatte er es bald aufgegeben, denn ob man einen amerikanischen Energiekonzern für das Projekt gewinnen sollte - im Inland war ja offenbar nichts zu erreichen - oder ob es hieß, ein großes Stück Blech zu nehmen, kräftig daran herumzuhämmern und zu löten, einen Gasbrenner dazu, und selbst eine Anlage zu bauen, kein Vorschlag konnte abseitig genug sein, dass Karsten nicht sofort die Nummer der Auslandsauskunft suchte oder zur nächsten Eisenwarenhandlung aufbrach. 

Ein Kommilitone Karstens gesellte sich zu ihnen, ein schmaler, blasser Mensch mit einer winzigen Nickelbrille, und wusste, da ihm das Projekt vorgestellt wurde, einige Kritik beizutragen, wobei er die Augen verengte, als stünde die Maschine vor ihm und er müsse sie im Detail näher ansehen, und den Mund vorschürzte, als bildeten seine Lippen eine Pinzette, mit der er die Worte um so genauer zu fassen hätte. Da hieß es nun, solche Anlagen gäbe es doch längst, in vielen Bauernhöfen seien sie installiert, in ökologisch orientierten fehlten sie praktisch nie, aber man wolle eben gerade nicht hier und da Einzelne einrichten, basteln sozusagen, sondern sie in Serie produzieren, aber damit begebe man sich doch wiederum gerade in die Logik dessen, was der Kommilitone ,das System’ nannte, aber ja und - und da verwendete der junge Freund nun tatsächlich Namen wie Ausbeutung (wenn auch vorerst nur der Natur), Mehrwert, Expropriation, Imperialismus und dergleichen vieles mehr. Während Karsten nachzuweisen versuchte, dass diese Begriffe längst ihre Gültigkeit verloren hätten, schaute Michael die Kupferstiche an den Wänden an, die alten Wein- und Rumflaschen in den Regalen, versuchte, mit einer Frau Blickkontakt zu knüpfen, die ging aber nicht darauf ein, und so betrachtete er wieder die Dekoration, fand, dass die Stiche mit Ansichten Kiews, der Heimat des Inhabers dieser Kneipe, in ziemlich breiten, aufwendig gestalteten Rahmen steckten, dass die kostbaren Flaschen sehr exponiert in Kopfhöhe plaziert waren, fand, dass sie doch mehr nach Museumsstücken denn nach Dekorationen aussähen.

,Ich bin in einem Museum, kein Zweifel,’ dachte Michael.

Und auch Karsten und sein Disputant, wie hieß er noch? denen über dem Bier Aussprache und Standpunkte immer undeutlicher gerieten, waren ganz und gar Museumsstücke, kein Zweifel.

„Gehen wir noch irgendwo hin?“ fragte Michael in das vertrackte Gespräch hinein.

„Nachher?“

Michael verabschiedete sich mit einem: „Ich muss hier raus,“ verließ die Kneipe, schlenderte ein paar Straßen entlang zum Fluss, wo er sich auf eine Bank setzte. Die Arme verschränkt, das Kinn auf die Brust gedrückt, schaute er grimmig vor sich hin und überlegte, warum er sich von Karsten überallhin mitschleppen ließ wegen dieser Anlage, ob sich der Scherz nicht längst verbraucht hätte, was überhaupt an diesem Ding sein sollte, das eine Unbekannte einmal beiläufig erwähnt hatte, und warum die Wellen auf dem Rhein so glitzerten, wenn am anderen Ufer nur so wenig Licht war. Nach vielleicht einer halben Stunde kam Karsten hinzu, setzte sich neben Michael, brummte Unverständliches vor sich hin, sagte dann laut: „Warum verläuft alles so im Sand?“ und schwieg. Michael sah ihn kurz an. Aus irgendeinem Grund weinte Karsten. Und Michael dachte, dass ein Konzern wie Rotteck Maschinenbau auch seine guten Seiten hatte.

 

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